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Ökostrom und Herkunftsnachweise – was steckt dahinter?

Lieblingsportal-Redaktion · · Strom-Ratgeber

Viele Stromangebote werden als Ökostrom vermarktet. Die Qualität und der tatsächliche Beitrag zur Energiewende unterscheiden sich jedoch je nach Zertifizierung erheblich.

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Herkunftsnachweise (HKN) sind das offizielle Zertifikatssystem für Ökostrom in Europa. Sie belegen, wo eine Kilowattstunde produziert wurde – nicht ob der Strom physisch bei Ihnen ankommt. Was das bedeutet, erklärt dieses Dokument.

Was ein Herkunftsnachweis zertifiziert – und was nicht

Ein HKN bescheinigt: Erzeugungsland und -anlage, Energiequelle (Wind, Solar, Wasser, Biogas), Zeitpunkt der Erzeugung (Monat und Jahr). Ein HKN bescheinigt nicht: Dass der Strom physisch durch Ihr Netz geflossen ist. Strom im Netz ist nicht identifizierbar – er mischt sich sofort. Die Funktion des HKN ist kaufmännisch, nicht physisch: Wer eine MWh HKN-Strom kauft, finanziert eine MWh erneuerbar erzeugte Energie – irgendwo in Europa.

Das europäische RECS-System und die AIB-Datenbank

HKN werden im europäischen RECS-System (Renewable Energy Certificate System) verwaltet. Zentrale Instanz: AIB (Association of Issuing Bodies). Ablauf: Grüner Energieerzeuger produziert 1 MWh Strom → erhält 1 HKN-Zertifikat. HKN wird über die AIB-Datenbank gehandelt. Versorger kauft HKN → entwertung (Verwendung) → Ausweis im Stromkennzeichnungsbericht. Das System ist handelbar: Ein Windpark in Norwegen kann HKN an einen deutschen Versorger verkaufen. Physisch kommt kein norwegischer Windstrom in Ihren Haushalt.

Kritik: Was mit dem HKN-System nicht stimmt

Die bekannte Kritik am HKN-System: Additivitätsproblem: Ein HKN-Kauf fördert keine neue Grünstromanlage. Es wird nur zertifiziert, was ohnehin schon existiert. Preis: HKN können sehr günstig sein (unter 1 Euro/MWh), was den Ökostromeffekt gering hält. Herkunftsland: Nordsee-Windstrom (Überschussland) deckt oft deutschen Ökostrom-Bedarf rein buchhalterisch. Gegenargument: Jeder HKN-Kauf senkt Nachfrage nach Graustrom und schafft schwaches Marktsignal für neue Anlagen.

Premium-Labels als Alternative: Was EE-01 und OK-Power leisten

Weil das HKN-System allein keine Additionalität sicherstellt, gibt es Premium-Zertifizierungen: EE-01 (Tüv Nord): Zertifiziert Stromlieferverträge mit Anlagenbindung – Strom kommt aus einer namentlich genannten Anlage in Deutschland. OK-Power (EnergieVision e.V.): Fordert Neuanlagenquote (Prozentsatz aus Anlagen jünger als 6 Jahre). Grüner Strom Label (GSL): Höchste Anforderungen, Direktlieferverträge mit Anlagebetreibern. Diese Labels kosten mehr – aber sie adressieren das Additivitätsproblem des reinen HKN-Systems.

Stromkennzeichnung: Wo Sie die Herkunft sehen

Gemäß §42 EnWG müssen alle Energieversorger auf Jahresabrechnungen und im Jahresreport ausweisen: Anteil erneuerbarer Energien (%), CO2-Emissionen in g/kWh, Anteil Kernenergie (falls vorhanden). Bei HKN-basiertem Ökostrom: Anteil erneuerbar 100%, CO2 rechnerisch 0. Vergleich: Durchschnittlicher Strom-Mix Deutschland in Rechnung: 55–65 % Erneuerbare, ca. 350–400 g CO2/kWh.

HKN in der Praxis: Wann und warum Unternehmen sie kaufen

HKN sind nicht nur für Haushalte relevant. Unternehmen nutzen sie für: CO2-Bilanzierung (Scope 2 nach GHG Protocol), ESG-Reporting (Nachhaltigkeitsberichte), Corporate Renewable Energy Targets. Im B2B-Markt unterscheidet man: Market-based: CO2-Bilanzierung nach tatsächlich bezogenem HKN-Strom. Location-based: CO2-Bilanzierung nach durchschnittlichem Netz-Mix. Unternehmen mit ambitionierten Klimazielen prüfen, ob HKN oder Direktabnahmeverträge (PPAs) klimapolitisch vorzuziehen sind.

Fazit: HKN — nötig, aber nicht hinreichend

Herkunftsnachweise sind das Mindeststandard-Zertifikat für Ökostrom. Sie belegen die Erzeugungsquelle buchhalterisch korrekt – fördern aber keine neuen Anlagen. Wer mehr will, wählt Tarife mit Premium-Label oder direktem Anlagenbezug. Wer den Grundstandard versteht, kann dann entscheiden, was ihm das wert ist.

Lisa Weber, Strom-Expertin

Herkunftsnachweise sind das buchhalterische Instrument der Energiewende. Perfekt sind sie nicht – das wissen auch die Zertifizierer. Aber ohne sie hätten wir keine nachvollziehbare Messlatte für Ökostrom-Qualität. Die Lösung ist nicht, HKN abzulehnen – sondern Premium-Labels zu fordern, die mehr verlangen.

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Häufige Fragen

Was bedeutet es, wenn ein Tarif '100% Ökostrom aus Herkunftsnachweisen' bewirbt?
Der Anbieter hat für jede gelieferte kWh ein Zertifikat (HKN) aus erneuerbarer Erzeugung eingekauft und entwertet. Das ist legal und transparent – aber es bedeutet nicht zwingend, dass der Strom eine Investition in neue Grünanlagen ausgelöst hat.
Was ist der Unterschied zwischen HKN-Ökostrom und direktem Anlagenökostrom?
HKN-Ökostrom: buchhalterischer Nachweis aus beliebiger EU-Anlage – günstig, aber wenig Additivitätswirkung. Direkter Anlagenökostrom (z. B. mit EE-01-Label): Strom kommt aus namentlich benannter Anlage, meist regional, oft mit Direktvertrag. Teurer, aber klimapolitisch wirksamer.
Muss ich als Haushalt HKN-Details kennen?
Nein – für die Entscheidung, welchen Tarif Sie wählen, reicht das Kennen der Label-Unterschiede (kein Label, EE-01, OK-Power, Grüner Strom Label). Die HKN-Mechanik dahinter ist eher für Unternehmen mit Klimabilanzierung relevant.
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